Hipster guide to Lomography
Neonfarbende Diana F um den Hals, Fake Wayfarer auf der Nase und davon labern, dass das ja so große Kunst ist, was da aus der Kamera kommt. Oldschool, weil auf Film und gecrossed muss der sein. Gibt es bestimmt, aber ich überspitze natürlich erstmal die Darstellung hier. Fangen wir doch mal ganz am Anfang an. 2009 hab ich eine Holga 120 für 20 Mark erstanden. Ich wollte auf dem Hurricane fotografieren, aber hatte ja nichts anders, außer meiner digitalen, viel zu wertvollen Kamera. Keine Ahnung von irgendwas gehabt, habe ich ein paar Rollfilme verschossen und dann das Ding erstmal wieder weggelegt. Zu teuer und zu wenig Output, der wirklich was geworden war. Zu der Zeit war Lomography schon total toll und so. Ich wollte doch aber nur ne billige Kamera, mit der ich ungeschoren fotografieren konnte, ohne um die nächste Miete fürchten zu müssen, wenn ein Regenguss mir das Ding zerfickt (SEO WORDING!!!!). Heute weiß ich, eine Point and Shoot wäre das richtige gewesen, aber dazu später mehr. Es war eine Bauchentscheidung. Aus dem Bett heraus bestellt, war die Holga einfach nicht das richtige und so fragte ich mich später, ob ich mit der Diana F+ nicht besser gelegen hätte. 79€ haben mich damals dann aber doch schon recht beeindruckt. Ich merkte dann auch, dass die Holga eigentlich ein Schäppchen war. Hipsterwahn trieb die Preise hoch und ich fand das alles irgendwie mehr und mehr suspekt. Da brachte man Menschen dazu viel Geld für technisch völlig überholten Kram auszugeben. Genial! Seither ist analoge Fotografie wieder in aller Munde und “so true” wie der Metaller sagen würde. Teilweise ist das alles gar nicht so unsinnig. Nur die Hipster, mit ihrer aussagelosen Lomography (es gibt ja auch gute Bilder) kann ich immer noch nicht verstehen. Um die Welt zu retten, habe ich mir daher nun etwas einfallen lassen. Ein kleiner Guide für all die schlecht beratenen Hipster. Spart euer Geld für MDMA und kauft euch lieber eine von diesen Kameras, statt der Diana F+.
Yashica T3/4
Point and Shoot 35mm Kamera, die euch mit nem netten Autofokus fürs feine Zeissobjektiv aushilft, wenn ihr mal fix aus der Hüfte schießt. 35mm Brennweite sind ideal für die Straße, die Party oder wo man sonst so auf Menschen trifft. Der Blitz ist fest verbaut und besser geht es fast nur mit der Contax T3/4.
Olympus XA
Point and Shoot ohne Autofokus und mit vielen verschiedenen Versionen. Ideal wenn es schnell und dreckig zu geht. Sie ist robust, schnell und klein. Ideal für die Jackentasche, Handtasche, oder einfach in der Hand. Auch sie schafft es, ganz gute Bilder auf 35mm Film zu bannen.
Agfa Clack
Die dicke Berta für Mittelformat, Doppelbelichtungen und ungehörige Spielereien mit einer alten Dame. Rollfilm mit 8 Bildern (6x9”) kann sie belichten und man dreht einfach den Film weiter, kann beliebig oft Auslösen und so ganz nette Spielereien erzeugen. Sie ist etwas unhandlich, aber riecht wie eine Antiquität.
Konica C35
Eine günstige Messsucherkamera die Batterien frisst, die ihr euch bei Opi klauen könnt. Entgegen vieler anderer Modelle bekommt man hier noch alles bequem bei nem Stadtbummel eingekauft. Batterien beim Hörgeräteonkel und den 35mm Film in der Drogerie. Klein, leicht und puristisch baumelt sie dann um euren Hals und ihr könnt so tun, als seid ihr Bresson persönlich.
Leica Minilux
Luxus Point and Shoot mit dem roten Punkt. Klasse verarbeitet, gut fürs Ego und günstiger als ne Contax T4. Man kann allerhand einstellen und überall erzählen, man hätte ne Leica. Batterien gibt es in jedem Supermarkt und 35mm Film ebenso. Der eingebaute Blitz kann auch bunte Farben, wenn man etwas farbige Folie davor klebt und wenn ihr dann den Film noch crossen lasst, seid ihr nicht nur wesentlich ärmer, sondern könnt ein paar tolle Bilder bei Google + in eure Circles werfen.
Bis auf die Leica kosten alle Kameras wesentlich weniger als die Diana F und mit Kleinbildfilm bekommt man auch hinterher mehr fürs Geld. Mittelformat ist toll, wahre Liebe und die Erfüllung aller Träume, aber das eine andere Tür im billigen Motel an der Autobahn. Gelegenheitshipster mit der Ambition so tolle Bilder, wie auf Amy and Pink hinzukriegen, können getrost zum Kleinbild greifen. Es gibt auch digitale Kameras, die sich dafür eignen, aber dazu später einmal mehr. Man muss das ja ausschlachten.





Ha, sehr geil geschrieben, habe das wirklich gern gelesen! Hab mir schon vir einiger Zeit ne XA zugelegt, die ist perfekt für alles.
Guter Bericht, die Yashica T4 hätte ich sehr gern, ist aber nicht wirklich gebraucht billiger als die Diana F+ in neu.
Ich bereue meine Entscheidung zur Diana F+ mit Blitz nicht. Die 30€ waren gut angelegt
Ach ganz vergessen: Das 35mm Back hat mich noch zusätzlich 30€ gekostet für die Diana, aber auch das hat sich im Endeffekt gelohnt.
Das schlimme bei den Lomokameras ist finde ich, dass man viel zu teuren und guten Film benutzt, ihn aber garnicht aus nutzt. Durch die Plastiklinse bleibt nicht mehr viel von der guten Qualität übrig. Teuren “Lomofilm” für ein bisschen mehr Individualität zu kaufen ist auch nur für die Händler gut. Alles nur Geldmache…
30€ sind ja auch ok. Aber keine 79€. Ich hab ne T3 für ebenfalls 30 bei ebay bekommen. Guck doch da mal. Sollte eigentlich möglich sein.
Was meinst du, wo ich sonst gucke
Sonst bekommt man die T3/T4 ja nirgends ausser bei ebay. Die T4 wird teuerer angeboten, denn die ist meiner Meinung nach dank Terry R. noch mehr Hipster und cool als alle anderen und damit im Preis gestiegen :/
Schön geschrieben, hab’ mich amüsiert.
Mit den Tips kann ich leider nix anfangen, für meinen Geschmack kommt da nicht mehr Kunst raus als vor 20 Jahren.
Kunst machst du und nicht die Kamera! Die Diana und Holga basieren auf Kameras, die genauso alt sind, wie die Clack.
Musste mich zwischendurch leicht bepissen.
Nichts desto trotz auch sehr inhaltsstark.
Habe selbst auch nie verstanden warum ich so viel geld für ne plastik-kamera ausgeben sollte.
Danke.
Ich dachte auch mal darüber nach über die Lomography in den analogen Kram einzusteigen. Aber mir war das Geld dann doch zu schade und ich hatte die Angst, dass ich mir die Lust auf Analoges mit komischen Bildern aus einer Plastikkamera versaue.
Vermtlich werde ich doch bald mal Opas alte SLR nehmen und paar Filme reinpacken.
Andreas, Du sagst es.
Ich benutze lieber Kameras, bei denen ich das Ergebnis nicht dem Zufall überlassen muss, sondern es beeinflussen kann.
Damit will ich nicht behaupten, dass bei besagten Kameras grundsätzlich keine Kunst raus kommt (man kann zB. auch mit dem Zufall arbeiten…), aber bestimmt ist es nicht automatisch Kunst, was da raus kommt, nur weil es so Retro ist.
Dann könnte man genau so gut sämtliche Fotos des letzten Jahrhunderts zur Kunst erklären.
Ich habe selbst vor einigen Jahren eine Pentakon Six zum Schleuderpreis ergattert. Bisher nutze ich sie aus Kostengründen recht selten, nur wenn sich der Aufwand wirklich lohnt.
Und was machen die armen Modetuss… äh, Fashionblogger/innen, die sich so eine schicke Diana nur wegen dem Aussehen zugelegt haben? Na? Na? Siehste!
hurricane.2009. analogkamera. und die pöhsen hipster treiben die preise hoch?! du bist mehr hipster als du wahrhaben willst.
Ich habe auch einen Plattenspieler und du hast nichts verstanden.
die Preise von Neukameras an denen von Uraltmodellen zu messen — so schlau muss man auch erstmal sein
He!
Habe gerade dein kleines –Lomo-Essay gelesen. Wirklich: Sehr gut geschrieben. Ich habe geschmunzelt und gelacht. Und vor allem: Das seltsame Bauchgefühl, das ich nebenher beim (teilweise) neidischen Betrachten des Lomo-Shops hatte, wurde hier endlich mal in Worte gefasst. Ich fühle mich gleich ein Stück freier.
Tja, mich hat der Virus, Fotos zu verdrehen, zu crossen oder aus der Hüfte heraus zu schießen, auch erwischt. Ich wollte endlich mal den ganzen Photoshop-Spaß in die Realität retten. Sprich: Es irgendwie selbst machen, mit den knalligen Farben oder den Verschiebungen. Als ich das erste mal die Lomo-Seite gesehen habe, dachte ich “wow”.
Mittlerweile macht es bei mir nur noch selten “wow”, sonder öfter mal “gähn”. Denn was da in die Lomo-Homes hochgeladen wird, ist oft eine Kopie irgendeines anderen “wow”-Motives. Wenn ich da mit entsprechenden Tags mal Flickr durchwühle, finde ich teilweise ähnliche Bilder, nur oft mit mehr Hand und Fuß. Und vor allem: Mit Motiven. Denn was nützen all die schönen Farben und Nicht-Farben ohne ein gutes Motiv? Ohne eine Linie oder überhaupt eine Perspektive? Wenn ich mich mal tatsächlich überraschen lassen wil, dann gebe ich die Plastikkamera meiner 3 jährigen Nichte. Das ist dann doch schon fast Kunst…
Aber zurück zum Thema: Eine LC-A russischer Produktion geht bei eBay auch gern mal für 30 Euro weg. Neulich: 32 Euro. Bei 30 hab ich aufgehört mitzusteigern. Aber doch bitte nicht für 250 Euro bei Lomo. Und wenn noch eine Sovjet-Flagge aufgedruckt ist, wandern 25 Euro mehr über den Ladentisch. Film entwickeln die Jungs auch. Für 13 Euro. Da ist mein Fotograf (trotz Push oder Cross Aufschlag von 50%) mit 5,75 noch ganz gut… Doch das ist egal, jeder kann seine Preise festlegen, wie er will. Der Markt regelt das ja. Für Lomo regelt der Markt gerade ganz gut. Und das ist auch ok. Denn es gibt ja auch noch andere Märkte.
Es gibt viele schöne und günstige Kameras, mit denen man Fotos machen kann. Eine gute Auflistung findet man ja oben. Da ist auch für jeden Geschmack was dabei. Eine Clack z.B. fühlt sich an, als ob man damit auch den Nachbarn erschlagen könnte.
Aber nur so zum Beispiel: Ich habe eine Revue 400 SE — habe sie mit Ledertasche, Blitzlicht und noch einer Tasche in quasi neuwertigem Zustand für 40 Euro gekauft. Bei eBay geht sie “ohne was” für 15 weg. Ist eine herrliche Kamera, mit einem lichtstarken f/1,7-Objektiv. Und: Fokus und Belichtungszeit sind manuell, also noch ein bisschen Kontrolle und etwas mehr Spaß. Plötzlich lernt man auch noch was über Fotografie.
Für Point&Shoot und den Lomo-Effekt zu lomo-unwürdigen Preisen: Die Vivitar-Kopie “Black Slim Devil” oder Varianten davon. Gibts für unter 30 Euro (die sich schon teuer anfühlen), kann dafür aber komplett mit einer Hand bedient werden (schießen und laden). Prima, um ein Drive-by-shooting vom Fahrrad aus durchzuziehen. Hat eine Weitwinkel-Linse, für die Lomo 325 Euro will. Hat eine feste Blende f/8, feste Belichtungszeit 1⁄125. Und das Ergebnis sieht aus, wenn mans will, wie aus der LC-A gedrückt.
Halfframe? Klingt nach einer super Idee. Aber auch hier: Nicht zu den Preisen. Die Canon Demi macht das auch. Habe sie grade für 15 Euro im Netz aufgetrieben. Und schon passen 72 Fotos auf den Film…
Meine Sprocket-Rocket-Weitpanorama-Dingsda heißt übrigens auch Clack. Habe sie mit Ledertasche und originalem Blitz für (teure) 20 Euro gekauft. Neben dem Mittelformat bekommt man da mit etwas Gewalt und Erfindungsgabe 35mm rein. Die Klack belichtet den dann auf 9 cm Breite. Geil. Steht ja aber sicher schon alles oben.
Und überhaupt: Bei Fotografen um die Ecke. Gestern eine Agfa Optima 1535 gesehen. Soll eine top Kamera sein. 10 Euro. Und sie noch mehr retro aus als das Retro, was mal Vintage war.
Die Liste ist endlos. Bei den Preisen für analoge Kameras lohn es sich, einfach stöbern zu gehen. Da kann man auch auf die schicken Lomo-Aufdrucke (gen. Sondereditionen) verzichten und bekommt hier und was interessantes zwischen die Finger. Einen Film einfach mal auszuprobieren kostet wenig. Die Kamera meist nicht viel mehr…
Gruß, I.
[…] Gedenken an Andrés großartige Hipster Guides zu Lomography und Digital Lomography und der freundlichen Nachfrage von Dennis, hier nun mein Guide zum Film […]