Classic K14 Interview: Hendrik Steffens

1. Hendrik, du machst eine ganz entscheidende Sache sehr richtig. Du reist viel und fotografierst dort, wo spannende Menschen sind. Du probierst nicht, etwas in einer langweiligen deutschen Kleinstadt zu fotografieren, was man eben nur in Marrakesch bekommt. Ist das eine bewusste Entscheidung gewesen, oder reist du nur gerne und das hat sich so ergeben?

Ich glaube, dass gute Straßenfotografen auch in einer deutschen Kleinstadt großartige Bilder machen. Das Bresson-Foto mit der Treppe und dem unscharfen Radler zum Beispiel könnte in ähnlicher Form überall entstehen. Mir würde es aber keinen Spaß machen, in deutschen Kleinstädten nach Symmetrien, Kontrasten oder lustigen Plakaten zu suchen. Und wahrscheinlich kann ich es auch nicht so gut, dass mir oder anderen die Bilder gefallen würden.

In fremden Ländern und Städten fällt es leichter, so zu fotografieren, dass ich Freude an den Ergebnissen habe. Ich habe vorab keine strikten Muster, Regeln oder Pläne für Bildstrecken. Ich nehme eine Kamera mit einem 35er mit und die Fotos, die herauskommen, sind ein Nebenprodukt der Reise. Die Ziele sind aber so gewählt, dass absehbar ist, dass ich Bilder sehe, die ich nicht ungeknipst lassen kann. Außerdem achte ich drauf, dass ich nicht in Hotels, sondern in Airbnb-Wohnungen unterkomme, um gefühlt ein bisschen näher dran zu sein.

2. Ich fotografiere ja auch viel Street und komme dann mit den Fotografierten in Gespräche. Das freut mich immer, weil mich die Person auch immer fernab vom Motiv alleine interessiert. Wie sieht das auf deinen Reise aus? Spielen Sprachbarrieren da eine Rolle?

In der Regel bemerken die Personen, die auf meinen Street-Bildern sind, mich nicht. Ich bin meistens auch nicht so nah dran wie Du oder Thomas Baldessarini jetzt bei „28mm“, weil es mir weniger um konkrete Personen geht. Ich suche meist ein Gesamtgefüge, bei dem eine Person die Aufgabe hat, eine Stimmung, eine Farbe, eine Gewichtung im Bild, kulturellen Wiedererkennungswert etc. einzubringen. Wenn sich doch mal eine Kommunikation mit den Fotografierten ergibt, dann findet die in der Regel über Mimik und Gestik statt. Der Fingerzeig auf die Kamera mit einem freundlichen Lächeln macht vieles Möglich.

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3. Deine Bilder haben oft etwas Szenisches. Wie arbeitest du? Spontan, oder findest du Plätze, wo du genau weißt, wie du die Szenen dort darstellen möchtest und wartest auf deine Gelegenheit?

Danke. Und beides! Was ich vermeide, ist vor dem Start Pläne zu machen. Ich gehe nicht in London los und denke mir, dass ich eine coole Szene am Buckingham Palace brauche. Ich schlendere am liebsten planlos durch die ungewohnte Umgebung und erkunde, genieße, sitze in Cafés und lasse die Stadt wirken. Irgendwann komme ich dann in eine Stimmung, die von der Atmosphäre der Stadt ausgeht. Und dann suche ich eher unterbewusst Szenen, die meine Stimmung darstellen. Sie zu finden und abzubilden gelingt mir dann mal mehr, mal weniger.

In der Medina von Marrakech habe ich am Tage viel Lebendigkeit, Trubel und Lärm wahrgenommen. Menschenmassen auf Märkten, Motorroller in viel zu engen Gassen und Kids, die einem den Weg zum zentralen Platz der Stadt zurufen. Um das abzubilden, habe ich spontan fotografiert, wenn ich das Gefühl hatte, das Geschehen bildet mein Gefühl ab. Da sind unscharfe und hektische Bilder entstanden, die technisch für den Eimer sind, aber für mich trotzdem ok sind, weil sie mir Kopfkino bescheren.

Mit Einbruch der Dämmerung wird es ruhiger in der Altstadt von Marrakesch und man nimmt anders wahr: Diese typischen alten Gebäude aus rotem Sandstein in Kombination mit den scharfen Licht- und Schattenkanten, die die Sonne in den engen Gassen wirft. Als ich das gesehen hatte, wollte ich das historische der Stadt irgendwie episch einfangen. Dann habe ich bewusst Bildausschnitte geplant und gewartet, bis eine Person durch läuft, die passt: Ein Mann mit Turban, eine Frau mit dunklem Schleier oder was gerade passte. In dieser Umgebung Bilder zu machen, die irgendwie etwas Besonderes haben, ist nicht sehr schwer. Viel leichter als in Darmstadt.

4. Du fotografierst auch Hochzeiten. Ich habe gemerkt, dass meine Arbeit auf der Straße mir sehr geholfen hat, dokumentarisch zu arbeiten. Hat das bei dir auch Einfluss gehabt?

Auf die Reportage hat es Einfluss. Ich finde die Hochzeitsreportagen am besten, die natürlich und ungestellt aussehen, aber trotzdem einem sehr hohen ästhetischen Anspruch genügen. Du bekommst das sehr gut hin, prägend fand ich aber immer auch z.B. Steffen Böttcher. Der Fotograf, der so etwas hinbekommt, muss vieles in seiner Arbeit vereinen: Er muss unauffällig und geschickt, fit mit seiner Technik, konzentriert und fokussiert, ästhetisch sicher und mit einem guten Instinkt ausgestattet sein für das, was gleich passieren könnte. Prophetisch quasi. Das alles schult man beim Fotografieren auf der Straße. Man übt, möglichst gut mit dem zu arbeiten, was da ist, ohne einzugreifen. Ob mich die Straßenfotografie nun zu einem `besseren` Hochzeitsfotografen gemacht hat, weiß ich nicht. Aber Einfluss hat sie.

5. Wie sehr beeinflusst dich das Internet? Instagram, Blogs? Inspiration und Wissen kommt bei dir woher?

Ich lese gerade ein sehr beliebtes Buch über Posing, aber das ist die Ausnahme. Mein fotografischer Input kommt fast ausschließlich aus dem Internet, vor allem von Instagram, Blogs und Facebook – in der Reihenfolge. Ich versuche, Personen und Seiten zu sehen, die etwas zeigen, das ich entweder einfach mag oder auch gern hätte, könnte, wüsste. Podcasts muss ich noch erwähnen: In den letzten Wochen habe ich alle Folgen des Uncle Bobcast inhaliert.

Ich versuche gleichzeitig, auf den ganzen Kanälen alles auszublenden, was nicht dem entspricht, wo ich hinwill oder was ich ästhetisch mag. Wenn man ordentlich filtert, ist das Internet der beste Coach, den man haben kann. Wenn Du einen neuen coolen Fotografen entdeckt hast, dann erfährt du ja oft auch, woher der wiederum seine Inspirationen und Techniken nimmt und so multipliziert sich der gute Input. Ohne diese Möglichkeiten hätte ich nie ernsthaft zu fotografieren begonnen.

6. Wie kommt das Classic K14 Preset bei dir ins Spiel? Was gefällt dir daran und warum nutzt du es?

Es kam ins Spiel, weil Du gutes Marketing gemacht hast. Die Samples, die du in der Entwicklungsphase gezeigt hast, waren überzeugend in Farbstimmung und Knackigkeit. Außerdem mag ich analoge Looks, bekomme nichtdigitale Fotografie aber nicht auf die Reihe.

Seit ich das Preset aber habe, nutze ich es für freie Arbeiten fast ausschließlich. Es ist knackiger und knalliger als Kodak Portra oder Kodak Gold und ich mag vor allem die Rot- und die Hauttöne extrem gern. Da du unterschiedliche Varianten des Presets eingestellt hast, ist auch für jede Lichtstimmung oder Atmosphäre eine passende Variante dabei. Das Feintuning, das du bei dem Preset geleistet hast, ist glaube ich ziemlich einzigartig.

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7. Bildgestaltung fängt ja beim Motiv an. Du hast in Marrakesch ja stark mit Licht und Schatten gearbeitet. Weißt du schon, wo du hin möchtest und fotografierst entsprechend, oder entscheidest du später noch viel im Editing?

Die Motivideen und der Look entstehen mit dem Gefühl, das mir der Ort vermittelt. Lissabon im Sommer hat auf mich so hell und warm gewirkt, dass ich dementsprechend passende Szenen Gesucht habe und auch mal leicht überbelichtet habe. Die Energie, die von dem Ort ausgeht, filtert und lenkt die Wahrnehmung und damit die Suche nach Motiven. Da wusste ich dann auch beim Knipsen, dass ich in der Nachbearbeitung den Weißabgleich ein bisschen zu warm machen werde.

Der erste Tag in Marrakesch hat mir dieses Thema vom tosenden Leben aufgedrängt. Und weil ich das nicht immer als positiv empfunden habe, habe ich meist recht dunkel fotografiert, was Szenen und Ausdruck der Menschen angeht. Da wollte ich bewusst nicht nur lachende Kinder zeigen, obwohl es die natürlich gab. Bei den Bildern mit den harten Lichtkontrasten am Abend habe ich versucht, sauber zu belichten, damit keine wichtigen Bildpartien ausfressen oder absaufen.

8. Wo möchtest du als nächstes hinreisen und warum?

Nach Porto. Ich bin wahrscheinlich gerade da, wenn das Interview online geht. Das liegt zum einen daran, dass Ryanair günstige Flüge anbietet, zum anderen an der schönen Zeit, die ich letztes Jahr in Lissabon hatte. Ich mag die Leichtigkeit der Portugiesen und das gute Wetter, und ich bin sicher, dass die Altstadt von Porto genau den Nährboden für diese filmischen Szenen bietet, die ich so mag. Ich habe aber keine Ahnung, was ich da genau tun und mir angucken werde, wo genau mein Airbnb liegt oder wo es den besten Portwein gibt. Ich lasse mich lieber Überraschen, statt durchzutakten.

Neu ist, dass ich zum ersten Mal allein verreise. Das heißt, dass ich niemandem auf die Nerven gehe, wenn ich eine halbe Stunde vor einem Torboden hocke und hoffe, dass da jetzt eine dunkelhaarige Frau mit rotem Kleid durchgeht. Obwohl meine Freundin, mit der ich sonst verreise, sehr geduldig mit mir ist. Sie fotografiert auch, was toll ist, weil wir uns viel austauschen und zusammen Ideen entwickeln.

9. Warum fotografierst du eigentlich?

In erster Linie für gute Gefühle: Wenn mein Kameradisplay das Bild zeigt, auf das ich hingearbeitet habe. Wenn jemand, den ich fotografiert habe, sich mit mir über das Ergebnis freut. Wenn jemand fragt, ob ich ihr oder ihm ein Bild machen könnte, weil mein Stil cool sei. Ich habe das Glück, nicht von Fotografie leben zu müssen. So habe ich den Luxus, die Kamera fast nur dann zücken zu müssen, wenn es mir Spaß macht. Mittlerweile habe ich eine Menge gute Dinge erlebt und Menschen kennengelernt, die ich ohne Knipse verpasst hätte.

10. Letzte Frage, deine Bühne: Was möchtest du uns noch gerne erzählen? Liegt dir was auf der Seele, am Herzen oder hast du einen Tipp für uns?

Gerade freue ich mich einfach auf den Porto-Trip, der Dienstag losgeht, und hoffe, dass in diesem Jahr und den nächsten noch einige folgen werden. Südostasien wäre cool, aber auch Kanada oder ein Ziel in Afrika (außer Südafrika, davon bin ich fotografisch gerade übersättigt). Mal sehen. Und sobald deine Interpretation von CineStill fertig ist, freue ich mich, sie auszuprobieren. Zuletzt möchte meine wunderbare Freundin Theresa grüßen, die gerade zum zweiten Mal in Marokko ist und da hoffentlich eine wunderbare Zeit hat.

Hendrik im Netz:

www.hendriksteffens.de und www.hendrikundtheresa.de https://www.instagram.com/hendriksteffens/