Atten­tion whore

 Attention whore

Ich habe ges­tern Abend eine nicht gerecht­fer­tigt große Menge Bil­der in mein Port­fo­lio gepresst. Der Grund dafür ist eigent­lich der Wunsch nach einem ruhi­gen Abend auf der Couch. Wäh­rend ich ein paar Plat­ten hören wollte, sollte auch end­lich das letzte Jahr auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Diese Aktion hatte ich schon in den Weih­nachts­ta­gen begon­nen und natür­lich bin ich damals, ebenso ges­tern, nicht damit fer­tig gewor­den.
Wäh­rend da also meine neue Shins-​Platte Kis­sing the lipless dudelt, kommt mir eine Frage ins Hirn geschos­sen. Ich beginne plötz­lich den Sinn des gan­zen zu hin­ter­fra­gen. Wozu brau­che ich ein Port­fo­lio, wenn ich gar nicht als Foto­graf arbeite? Warum gebe ich mir nicht mehr Mühe dabei, denn 79 Bil­der zu einem Thema braucht kein Mensch? Das muss man doch noch bes­ser zusam­men­raf­fen. Ab die­sem Punkt wurde es in mei­nem Kopf dun­kel und die gedank­li­che Zeit­reise begann. Ich wusste mit 4, dass der Blau­wal das größte Säu­ge­tier die­ses Pla­ne­tens ist, was für man­chen düm­me­ren Erwach­se­nen erstaun­lich zu sein schien. In der Grund­schule wusste ich mehr über Dino­sau­rier, als die Leh­re­rin, der ein unglaub­li­cher Feh­ler unter­lau­fen war. Sie bezeich­nete einen Allo­sau­rus als T-​Rex. Also bitte schön, so kom­men Kin­der auf die schiefe Bahn!
Das sind so zwei wesent­li­che Ereig­nisse, die mir gezeigt haben, dass Erwach­sene sich freuen, wenn man irgend­wie mehr kann, mehr weiß, oder sonst irgend­wie beson­ders ist. Wenn Erwach­sene sich freuen, bedeu­tet das oft SPIEL­ZEUG! So brachte die Gesell­schaft mir bei, es ist gut, etwas beson­de­res zu sein. Nun ist es nicht schwer, wenn du in einer Klasse sitzt, wo min­des­tens ein Kind alle 3 Minu­ten unter den Tisch klet­tert, um ins Mal­buch zu bei­ßen. Wenn man aber in einer gut ver­netz­ten Welt von Heute lebt, eine die uns allen ADHS mit der Mikro­wel­len erwärm­ten Mut­ter­milch ein­prü­gelt, dann ist das alles nicht mehr so ein­fach, mit dem beson­ders sein. Wir kau­fen uns iPho­nes, iPads, oder Galaxy irgend­was Pads, damit wir auch wirk­lich zu den Ein­zig­ar­ti­gen gehö­ren. Wir foto­gra­fie­ren mit der Diana F+, oder um noch beson­de­rer zu sein mit der Leica M6/​9. Wir wer­den vegan und suchen uns Woh­nun­gen mit Par­kett und hohen Decken mit Stuck. Unser BMX tau­schen wir gegen alte Renn­rä­der und von der Agen­tur fah­ren wir mit dem Long­board heim. Bank­kauf­frau zu sein genügt näm­lich nicht mehr, denn die Spar­kas­sen­fi­liale ist eben nicht Jung von Matt. Arbeit­ge­ber wer­ben nicht mehr nur mit Geld und guten Arbeits­be­din­gun­gen, son­dern mit Life­style. Mal ehr­lich, wer würde nicht gerne bei DOJO Fucking Yeah anheu­ern, ein­fach nur um mal in die­sem bun­ten Hau­fen wahn­sin­ni­ger gesteckt zu haben? Man würde sich doch etwas bes­ser füh­len. Bes­ser, wenn man mit alten Bekann­ten und auch guten Freun­den spricht. Bes­ser, wenn man mor­gens auf­wacht. Bes­ser, wenn man den iMac in der Agen­tur anschal­tet und die­ses ein­präg­same Doooooong ertönt. Jetzt soll das nicht schon wie­der eine zyni­sche Kri­tik an dem sein, was wir alle tun, son­dern nur der Ver­such, über­haupt ein­mal zu ergrün­den, warum wir diese Ding eigent­lich alle tun. Auch wenn ich mich erst ein­mal ertappt gefühlt habe, ist es nichts wirk­lich nega­ti­ves, etwas beson­de­res her­vor­brin­gen zu wol­len. Viel­leicht sollte man es ziel­ge­rich­te­ter tun und einen bes­se­ren Grund als “Mami, sieh doch nur, ich habe ein Bild gemalt!” zu haben. Und irgend­wie ist dies hier auch gerade nichts ande­res als, eben genau das. Schaut doch nur, wie klug ich bin! Ich habe die Gesell­schaft durch­schaut. Ich wer­det mich nicht bekom­men! Nie­mals, Tschüss ihr Spin­ner! Sie haben mich längst.

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